Wir sind (auch) unser Job.
JOBreality ist ein fotografisches Kunstprojekt von Gaby Ristic, das sich mit Identität, Rollenbildern und gesellschaftlicher Wahrnehmung auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt stehen Menschen in ihrer beruflichen Rolle und außerhalb davon. Fotografiert werden Persönlichkeiten unterschiedlichster Berufs- und Lebenswelten: etwa Ärzt:innen, Polizist:innen, Opernsänger:innen, MMA-Trainer:innen, Lokführer:innen oder Drag Queens. Die Gegenüberstellung von beruflicher Inszenierung und privatem Moment eröffnet einen Blick auf die Spannung zwischen öffentlicher Funktion und persönlicher Identität.
In einer Welt, in der Kleidung weit mehr ist als bloße Hülle, untersucht JOBreality, wie Uniformen, Arbeitskleidung und berufliche Codes unsere Wahrnehmung prägen. Haltung, Körpersprache, Autorität und Ausstrahlung verändern sich sichtbar mit der Rolle, die ein Mensch einnimmt und mit den Erwartungen, die an ihn gestellt werden.
Inspiriert von literarischen Werken wie Des Kaisers neue Kleider oder Kleider machen Leute verbindet das Projekt Fotografie mit sozialer Beobachtung und Interviewkunst. Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Menschen in ihrem beruflichen Umfeld, während farbige Fotografien private Leidenschaften, Rückzugsorte und persönliche Facetten sichtbar machen. Ergänzt werden die Bilder durch Zitate aus Gesprächen mit den porträtierten Personen.
Ein zentraler Aspekt des Projekts ist das Thema „Exzess“:
Nicht nur im Sinne von Maßlosigkeit, sondern als gesellschaftliche Übersteigerung von Rollenbildern, Leistung und öffentlicher Identität.
Viele Berufe verlangen permanente Professionalität, Disziplin, Kontrolle und Verfügbarkeit. Dadurch entsteht oft eine exzessive Identifikation mit der eigenen Funktion. Die berufliche Rolle wird zur Bühne, Uniformen werden zu Symbolen von Macht, Kompetenz oder Erwartungshaltung. Der Mensch hinter dieser Projektion tritt dabei häufig in den Hintergrund.
JOBreality macht diese Spannungsfelder sichtbar.
Das Projekt zeigt nicht nur Rollenbilder, sondern auch die Fragilität, Widersprüche und Vielschichtigkeit der Menschen dahinter. Ohne moralische Wertung entsteht eine fotografische Untersuchung darüber, wie sehr Identität vom Kontext, von Kleidung und vom Blick anderer beeinflusst wird.
Denn hinter jeder gesellschaftlichen Rolle steht ein Mensch.
JOBreality ist als erweiterbare Dauerausstellung angelegt: Neue Models und Berufsbilder können jederzeit hinzukommen. Virtuell ist das Projekt 24/7 auf dieser Website abrufbar.
Zu verschiedenen Terminen im Jahr wird JOBreality auch physisch ausgestellt. Aktuelle Ausstellungen und Termine stehen auf der Seite Events & Termine.
GR art & photography
Gaby Ristic (*1961) lebt und arbeitet in Wien.
Ihr künstlerischer Zugang ist geprägt von einer langjährigen Auseinandersetzung mit Sprache und Bedeutung. Nach dem Studium der Germanistik war sie über Jahrzehnte als Professorin am Vorstudienlehrgang tätig – ein Kontext, in dem Fragen nach Ausdruck, Übersetzung und kultureller Codierung zentral sind.
Diese Denkweise überträgt sie in ihre fotografische Praxis.
Erst in der Phase nach ihrer institutionellen Laufbahn verschiebt sich ihr Fokus konsequent in Richtung Bild. Fotografie wird dabei nicht als rein dokumentarisches Medium verstanden, sondern als analytisches Instrument, das soziale Rollen, visuelle Codes und Formen von Identitätskonstruktion untersucht.
Unter GR art & photography entwickelt Ristic Arbeiten an der Schnittstelle von Beobachtung und Setzung. Ihre Bildsprache ist reduziert, präzise und von einer stillen Strenge, die weniger inszeniert als vielmehr freilegt.
Im Zentrum steht der Mensch – jedoch nicht als feste Größe, sondern als veränderliche Projektion im Kontext von Erwartung, Funktion und Selbstentwurf.
Arbeiten wie JOBreality verhandeln genau diesen Zwischenraum:
den Moment, in dem Identität nicht eindeutig ist, sondern lesbar wird.
Eine Praxis, die weniger zeigt, was ist –
als vielmehr sichtbar macht, wie es gesehen wird.
Der Text darüber beschreibt die Künstlerin des Projekts. Hier können Sie sich zusätzlich ein ausführlicheres Interview direkt vor Ort anhören.